Der Name „Kafro“ ist das aramäische Wort für „kleines Dorf“. Um es nicht mit dem örtlich nahe gelegenen und gleichnamigen Dorf zu verwechseln, wurde dieses zu „Kafro tahtaito“ (unteres Dorf) ergänzt. Kafro tahtaito erhielt nach der Entstehung der türkischen Republik den offiziellen türkischen Namen Elbegendi. Das Dorf erlebte noch folgende weitere Benen­nungen wie Harapkefri, Kharap Kefre und Harabe Kefre. Wir verwenden nachfolgend den althergebrachten Namen „Kafro“ und verzichten dabei auf den Anhängsel.

Als Bestandteil des Turabdins war das Dorf Kafro ebenso vom tragischen Schicksal betroffen. Infolge der Vielzahl von Kriegen, Verfolgungen und Schändungen des Dorfes durch fremde Völker blieben über die geschichtliche Entwicklung von Kafro nur noch mündliche Überlieferungen erhalten. Bücher und andere schriftlichen Dokumente wurden entwendet, verbrannt und vernichtet. Die vielfachen gesellschaftlichen Bedrängnisse brachten nicht nur dem Dorf Kafro, sondern auch allen anderen Dörfern aus dem Turabdin den Niedergang. Laut mündlicher Überlieferung hat das Dorf Kafro seinen Entstehungsursprung noch vor Christi Geburt.

Das Dorf Kafro liegt in der Provinz Mardin, im Südosten der Türkei und 15 Km südöstlich von Midyat entfernt. Es wurde auf einer leichten Anhöhe gebaut und befindet sich ungefähr 900 M.ü.M.

Die Jahreszeiten sind sehr ausgeprägt: Im Frühling und im Herbst gibt es relativ viele Niederschläge. Der Sommer ist heiss und trocken. Der Winter ist geprägt von eisiger Kälte und Schnee. Die Temperaturschwankungen belaufen sich spitzenweise zwischen -10°C im Winter bis +48°C im Sommer.

Die rote Erde ist sehr fruchtbar und eignet sich hervorragend zum landwirtschaftlichen Anbau. Sie ist sehr reichhaltig an vulkanischem Lavagestein, das den Landwirten beim Pflügen oft mühsame und harte Arbeit verursacht. Kafro ist für das hohe Vorkommen an weissem  Kalkstein berühmt.

Kafro ist umgeben von den anliegenden Dörfern Enhil, Harabale, Arbo und Sivrice, welche kaum mehr als 9 km entfernt sind. Als kleine Provinzstadt bietet Midyat mit 15 Km Entfernung die nächste Einkaufs- und Handelsmöglichkeit.

Die Grenze zu Syrien liegt lediglich 20 Km von Kafro entfernt. Vielfach wurde in der syrischen Provinz Kamishli  Handel betrieben. Man pflegte das grenzüberschreitende nachbarliche Verhältnis aus zwei Gründen. Einerseits bot Kamishli einen guten Absatzmarkt für die erwirtschafteten landwirtschaftlichen Erzeugnisse und andererseits lebten/leben in Kamishli  ebenso syrische Christen, die in der Nachkriegszeit durch die Grenzziehung voneinander getrennt wurden. Somit beruht die Beziehung zu Kamishli nicht nur auf den Handel; sie war oft auch verwandtschaftlich geprägt.

Hauptsächlich wurden in Kafro landwirtschaftliche Tätigkeiten ausgeübt. Das Bestellen von Acker und Feld gehörte zum Alltag. So auch der Anbau von Weinreben, der einen grossen Ertrag an Rosinen einbrachte. Diese wurden dann in den anliegenden Regionen verkauft oder gegen andere teilweise importierte Güter eingetauscht. Viele leisteten sich eine Viehzucht und profitierten von den Milchprodukten wie Milch, Käse und Joghurt.

Die landwirtschaftlichen Tätigkeiten waren stets von den Umweltbedingungen beeinflusst. So kam es nicht selten vor, dass Dürreperioden den Ausfall von Ertrag bewirkten und weitgehend Hungerwellen auslösten.

Das Dorf hat einen relativ grossen Eichwald und war zu seiner Bewohnung von Rebbergen umgeben, in denen über 17 Traubensorten angebaut wurden. Früchte wie Feigen, Granatäpfel, Trauben, Süss- und Wasser­melonen waren in den entsprechenden Jahreszeiten reichlich vorhan­den. Weizen, Gerste, Gurken, Mandeln und vereinzelt Äpfel wurden ebenso angepflanzt.

Laut mündlicher Überlieferung hat das Dorf Kafro seinen Entstehungsursprung noch vor Christi Geburt. In diesen Berichten beschränken wir uns jedoch nur auf den Zeitraum zwischen 1900 und heute.

Im Jahre 1900 war Kafro von 30 Familien bewohnt. Im 1. Weltkrieg (1914/15) waren die syrischen Christen von dessen Folgen zu tiefst betroffen. Alle, die sich retten konnten, flohen in Höhlen und fanden dort ihren Schutz. Kafro war in diesem Zeitraum unbewohnt. Erst um 1916 kehrten die ersten 8 Familien von den Höhlen in ihr Heimatdorf Kafro zurück. Kafro erlebte 1970 mit 46 Familien die Spitze der Bevölkerungszahl. Nach der in den 80-er Jahren beginnenden Auswanderungswelle, vorwiegend in Richtung Europa, schrumpfte die Zahl der Bewohner im Jahre 1992 auf nur noch 5 Familien zurück. Mit der Ausreise der drei letzten Familien im Jahre 1995 stand Kafro seither leer und unbewohnt bis 2005 als die ersten 3 Familien zurückkehrten.

Heute (2013) leben 13 Famielen in Kafro und etwa 250 Familien aus dem ursprünglichen Dorf Kafro in Europa, mehrheitlich in Deutschland, Schweden und in der Schweiz.

Glaube

Die Bewohner von Kafro anerkennen den christlichen Glauben seit dem 3. Jahrhundert nach Christus. Alle Familien pflegen nach wie vor den christlichen syrisch-orthodoxen Glauben, welcher von der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien abstammt. Die Kirche war die Klammer, die die Bewohner zusammenhielt, ihnen sprachliche und religiöse Identität verlieh. Die Zeit der Christenheit in der Osttürkei scheint aber aufgrund der Missstände des Landes allmählich zu Ende zu gehen, wenn diesbezüglich nichts dagegen unternommen wird.

Als Haufendorf umfasste Kafro 46 Häuser, welche relativ dicht zueinander standen. Bis zum Jahre 1970 wurden Häuser aufgrund der Notwendigkeit gebaut; sie waren damals alle besetzt. Sie haben die typische Form eines Blocks vorwiegend mit zwei Etagen. Der untere dient als Stall für die Haustiere und für das Vieh, der obere als Behausung der Familie. Wände, Decken und Boden bestehen aus grösseren Steinen, die herbeigeführt werden mussten und wurden mittels einer Mischung aus selbst gebranntem Kalkstein und Zement zusammengefügt. Jedes Haus verfügt über einen Vorplatz, der von einer hohen Mauer begrenzt ist; für die Sicherheit der Bewohner.

Die Strasse, welche mitten durchs Dorf verläuft, verbindet indirekt die Kreisstadt Midyat mit  dem östlich gelegenen Dorf Harabale. Die Klöster Mor Malke und Mor Augin, ältestes Kloster überhaupt, sind ausschliesslich auf dieser Strasse zu erreichen.

Das Schulhaus, das erst 1964 unter minimalsten Bedingungen erbaut wurde, stand am äussersten westlichen Dorfrand. Verschiedene Klassen wurden dort gleichzeitig durch den gleichen Lehrer ausschliesslich in Türkisch unterrichtet. Ein Fussballfeld diente dem Gemeinwohl der jungen Bewohner von Kafro.

Für die Wasserversorgung dienten ca. 80 selbst erbaute Tiefbrunnen, die sich vom Regenwasser füllten. Sie sind grossflächig verstreut. Einige sind sogar in den Vorhöfen der Häuser zu finden. Strom und Telefonanschluss sind erst in den 80-er Jahren dem Dorf zugeführt worden.

Die Äcker und Felder sind rund um das Dorf verteilt und von aus Steinen erstellten Mauern begrenzt. Viele davon sind sogar einige Kilometer vom Dorf entfernt. Im Herbst und Frühling bildet sich aus den Regengüssen ein kleiner See. Die Bewohner nutzten ihn einerseits für den Frühling- und Herbstputz andererseits als Tränkestelle für das Vieh.

Der alte Friedhof ist umgeben von einer grossen Mauer und befindet sich im Kirchenareal der Kirche Mor Yahkup und der angebauten grosser Kirche Mor Barsaumo. Die Kirchen stehen leicht seitlich des östlichen Dorfrandes. Das noch damals gut erhaltene Gedenkhaus Gottesmutter Maria findet seinen Platz etwa 500 Meter ausserhalb des Dorfes. In Kafro wurden folgende Kirchen und kleinere Gedenkhäuser erbaut:

  • Kirche Mor Yahkup (5. Jahrhundert)
  • Kirche Mor Barsavmo (5. Jahrhundert)
  • Gedenkhaus Gottesmutter Maria (unbekannt)
  • Kirche Mor Bosuss (unbekannt)
  • Gedenkhaus Kadisto (unbekannt)